Verbrechen und Zufall: im Vorbeifahren überführt
Shownotes
Ein Mann verschwindet, ohne jede Spur - und ein Mafioso entzieht sich jahrzehntelang der Justiz. In beiden Fällen trägt ein ungewöhnlicher Zeuge zur Aufklärung bei: eine zufällige Aufnahme auf Google Street View. Diese Folge erzählt von verräterischen Bildern, erstaunlichen Zufällen und Ermittlungen, die durch einen unscheinbaren Moment im Vorbeifahren eine unerwartete Wendung nahmen.
Den Einblick in den Polizeialltag lieferte uns Dr. Manfred Lukaschewski, der selbst jahrelang als Mordermittler in Berlin gearbeitet hat. Vielen Dank für die Unterstützung.
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00:00:01: Daktiloskopie, Ballistik, forensische Genetik.
00:00:05: Die Polizei hat eine Menge technischer Hilfsmittel zur Hand, um Verbrechen aufzuklären.
00:00:10: Manchmal reicht aber auch ein simpler Online-Kartendienst, um einen Fall zu lösen.
00:00:15: So wurde in Spanien ein Mörderpaar überführt und ein Mafioso nach mehr als zwanzig Jahren Ding festgemacht.
00:00:23: Nichts ist unmöglich!
00:00:24: Und manchmal passiert völlig ungeplant etwas ganz Großes... Dieser Podcast erzählt solche Geschichten aus dem
00:00:33: wahren Leben.
00:00:34: Das
00:00:34: ist Zufall, wenn ein
00:00:37: Moment
00:00:38: alles verändert!
00:00:39: Diesmal Verbrechen und Zufallen im Vorbeifahren
00:00:44: überführt.
00:00:52: Im Norden Spaniens in mitten der mediterran Landschaft des kastillischen Hinterlandes liegt das beschauliche Dörfchen Tachueco.
00:01:00: Die Gegend gilt als extrem dünn besiedelt gerade mal acht Einwohner pro Quadratkilometer.
00:01:06: Das ist vergleichbar mit den grenzenlosen weiten Laplands.
00:01:10: Nicht besonders viel los hier!
00:01:12: Tachueco ist da keine Ausnahme, knapp sechzig Menschen leben in diesem Ort – jeder kennt jeden.
00:01:17: Wenn hier plötzlich jemand verschwindet dann sollte man meinen dass der Mörder schnell gefasst wird.
00:01:23: Die Realität sah leider anders aus obwohl die Hinweise offensichtlich und für jeden im Internet zugänglich waren.
00:01:29: Es hatte nur niemand bemerkt.
00:01:36: Vermisst wurde ein dreißigjähriger Mann aus Kuba.
00:01:39: Schon seit einer ganzen Weile hatte er sich nicht mehr bei seinen Verwandten gemeldet.
00:01:43: Seine letzte Nachricht ging an sein Cousin.
00:01:45: Ich hab jemanden kennengelernt, such'n ich nach mir!
00:01:49: Diese Worte klangen so gar nicht nach dem jungen Mann – sehr verdächtig.
00:01:53: Besorgt informierten die Verwandte im November in der Polizei-Direktion vor Ort.
00:01:58: Der Beginn einer kuriosen Spurensuche.
00:02:04: Von den Dorfbewohnern konnte oder wollte niemand einen Hinweis liefern?
00:02:08: Es gab ja nicht mal eine Leiche….
00:02:10: Der verschwundene Kubaner konnte sich genauso gut aus dem Staub gemacht haben, auf Nimmer wiedersehen.
00:02:16: Vielleicht war die kryptische Nachricht an sein Cousin tatsächlich echt und der Mann wollte einfach nicht gefunden werden – solche Sachen passierten hin und wieder!
00:02:23: Es dauerte ein ganzes Jahr bis die Polizei einen Verdächtigen ausmachte.
00:02:31: El Lobo, der Wolf so sein Spitzname.
00:02:33: Bürgerlich Manuel Isla Gallardo Der Achtundvierzigjährige betrieb die einzige Kneibe in Tachueko und galt als eher zwielichtige Gestalt.
00:02:43: Seine Ex-Frau hatte wohl eine Beziehung mit dem vermissten Kubaner geführt.
00:02:47: Steckten die beiden vielleicht dahinter?
00:02:52: Im November, zwei Tausendvierundzwanzig ließen die Beamten El Lobo und seine Exfrau verhaften.
00:02:58: Etwas nachweisen konnten sie nicht – noch nicht!
00:03:02: Kurze Zeit später entdeckte jemand eine Männerleiche Auf dem Friedhof, gut zwölf Autominuten entfernt von Tachuenco.
00:03:09: Stark verwest und zerstückelt.
00:03:12: Vom Kopf fehlte jede Spur.
00:03:14: Auch wenn die Polizei das Opfer nicht zweifelsfrei identifizieren konnte waren sich die Ermittler sicher!
00:03:20: Das musste der vermisste Kubaner sein.
00:03:23: Da es nun einen Leiche gab konnten sie El Lobo und seine ehemalige Gattin noch mehr unter Druck setzen doch die hüllten sich immer in Schweigen.
00:03:32: eine knifflige Situation Spielte den Ermittlern ein seltsamer Zufall in die Hände.
00:03:41: Einer der Beamten wollte sich nur noch mal die Gegend um Taro Echo anschauen, rein routinemäßig!
00:03:47: Da es so umständlich war extra in das Dörfchen zu fahren probierte er es mit Google Street View.
00:03:52: Es gibt kaum jemanden der diesen online Dienst noch nicht genutzt hat.
00:03:55: Die dreihundertsechzig Gradansichten aus der Straßenperspektive sind eine wunderbare Möglichkeit sich zu orientieren oder fremde Gegenden zu erkunden.
00:04:04: Kleine Ortschaften wie Tarueco sind normalerweise gar nicht mit dabei.
00:04:08: Kein Streetview-Fahrer würde sich die Mühe machen, in solch verlassene Regionen zu reisen und Bilder zu knipsen – normalerweise!
00:04:16: Denn wie es der Zufall so wollte war vor etwa einem Jahr eines dieser Google Autos hier unterwegs.
00:04:21: Es gab also mehr als genug Aufnahmen.
00:04:25: Der Beamte war heilfroh nicht extra nach Tarueko fahren zu müssen und klickte wahllos umher bis er
00:04:31: eine erstaunliche
00:04:32: Entdeckung machte….
00:04:36: Auf einem der Bilder in der Gayenorte war ein Mann zu sehen, der ein weißes Bündel in den Kofferraum seines Autos loot.
00:04:44: Da er von hinten fotografiert wurde, konnte man ihn nicht erkennen – dafür aber seine Vereinsjacke der Sede Nomantia und noch viel wichtiger der alte bordeauxrote Rover mit dem er unterwegs war!
00:04:56: Dem Beamten blieb die Spucke weg….
00:04:58: Das war El Lobo Und nicht nur das.
00:05:01: Er schien etwas in sein Auto zu laden, dass ihn etwa der Größe eines Menschen entspricht.
00:05:07: Aufgeregt scrollte der Polizist weiter und da – nur eine Straßenbiegung entfernt – entdeckte er eine Frau die mit einer Schubkarre unterwegs war!
00:05:17: Was darin lag, schien das gleiche Bündel zu sein, dass der Mann in seinen Kofferraum geladen hatte.
00:05:23: Vermutlich waren die Bilder im Abstand von einer Minute entstanden.
00:05:27: Zuerst die Frau mit der Schubkarre und dann der Mann, der den Inhalt in seinen Rover buchtete.
00:05:32: Keine Frage!
00:05:33: Der Beamte hatte gerade einen Mord aufgeklärt – mit Hilfe von Google Street View.
00:05:43: Ausgerechnet am gleichen Tag an dem die Leichen entsorgt wurde.
00:05:46: auch ein Street-View-Auto durch das Dörfchen fuhr ist statistisch gesehen eine extreme Seltenheit.
00:05:53: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer als wenn man vom Blitz getroffen wird und danach im Lotto gewinnt.
00:05:59: El Lobo und seine Ex-Frau hatten keine Chance, sich aus der Sache herauszubinden.
00:06:03: Und landeten beide hinter Gittern.
00:06:05: Noch dazu, wo die Polizei nicht nur die erdrückenden Beweise im Netz fand sondern auch anhand von Handyordnung und forensischen Spuren sicherstellen konnte dass es sich bei den beiden um die Täter handelte.
00:06:19: Mit Zufällen in der Polizeiarbeit kennt sich Manfred Lukaszewski gut aus.
00:06:23: Er hat jahrelang als Mordermittler in Berlin gearbeitet.
00:06:27: Für ihn sind solche Zufälle lediglich Fakten, die gründlich zusammengetragen werden müssen.
00:06:32: Denn Gewissenhaftigkeit ist das A und O in diesem Job!
00:06:36: Ich sage immer gerne in meinen Vorlesungen – Die Mordkommission bekommt ja den Auftrag zur Aufklärung zwar vom Staatsanwalt weil er ist Leiter des Ermittlungsverfahrens.
00:06:48: der eigentliche Auftrag kommt quasi vom Opfer.
00:06:53: Opfer sagt mir, finde ich den, der mir das angetan hat.
00:06:57: Und das ist eigentlich die Herausforderung, die jeder Kriminalist hat.
00:07:02: und die Herausforderungen in der Mordermittlung sind alle Informationen, die man bekommen kann zu nutzen um dem Täter die Tat nachzuweisen und dass die andere Seite eines Ermittlungsverfahrens auch alles entlastende Material, alle entlastenden Informationen zusammenzutragen.
00:07:24: Dass später man relativ sicher sein kann wenn es zu einer Verurteilung kommt.
00:07:29: das ist genau die richtige Person die dort auf der Anklagebank
00:07:34: sitzt.".
00:07:35: Doch Vorsicht!
00:07:36: Bei aller Gründlichkeit kann es passieren, dass man aufs Glatteis geführt wird nicht von den Tätern sondern von einer Laune des Zufalls.
00:07:44: Manfred Lukaszewski hatte eine Geschichte parat.
00:07:47: Wir hatten eine Tatverdächtige, die am Rand von Berlin wohnte angeblich und diese gute Frau war dringend tatverdäftig ihren Partner erstochen zu haben.
00:08:02: Und wir haben dann auch diese Festnahme durchgeführt.
00:08:05: und bei der Beschuldigtenvernehmung stellte sich denn heraus dass die
00:08:10: Frau
00:08:11: ein wasserdichtes Alibi hatte und partner viel schlimmer war.
00:08:15: Er stellte sich heraus, es war die falsche Frau.
00:08:18: Die hatte nur den gleichen Namen und die hatte auch dummerweise das gleiche Geburtsdatum Und die hat quasi die Wohnung bezogen von der Frau, die wir gesucht haben Die mit dem gleichen Namen und Geburtstatem vorher in diesem Haus gewohnt haben.
00:08:35: Mehrere Zufälle, die das zusammentrafen... Leider hat es dann die falsche erwischt.
00:08:42: Wir sind da auch mit einem großen Aufgebot vorgefahren im Wohngebiet.
00:08:47: Sie hatten relativ cool und locker genommen Und wir haben eine Wohngebietsversammlung gemacht und den Irrtum aufgeklärt haben.
00:08:55: Natürlich ist klar die Lacher auf unserer Seite
00:08:58: war nicht
00:08:58: unbedingt ein Highlight in meiner Karriere.
00:09:04: Tja, es kann nicht immer alles rund laufen!
00:09:06: Im nächsten Fall hat die Polizei fast zwanzig Jahre lang ermittelt bis sie endlich einen entscheidenden Hinweis bekommen hat.
00:09:13: Dank einer unscheinbaren Street View-Aufnahme konnte ein Mafioso gefasst werden und der hätte nicht überraschter sein können...
00:09:24: Man weiß nie was in einem Menschen vorgeht.
00:09:27: Selbst endete Gemüsehändler um die Ecke kann ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen In diesem Fall ein sehr dunkles.
00:09:35: Mitglied einer kriminellen Vereinigung, Mord- und Drogenhandel.
00:09:40: Ach ja!
00:09:40: Und aus dem Gefängnis war er auch geflohen.
00:09:42: Erst nach zwanzig Jahren konnten die Behörden den Mann schnappen aufgrund eines netten Gesprächs und einem Auto das genau im richtigen Moment vorbeifuhr.
00:09:55: Gioacchino Gamino gehörte der Drangheta an – ein italienisches Mafianetzwerk.
00:10:00: Ihr Hauptgeschäft ist Kokain.
00:10:02: Das hat sie zu einer der reichsten kriminellen Organisationen gemacht.
00:10:06: Gamino verübte eine Menge Verbrechen für die Drangheta, konnte aber Ende der Neunziger gefasst werden und landete schließlich im Hochsicherheitsgefängnis Rebibia in Rom.
00:10:17: Lange Zeit blieb er dort nicht – denn gut drei Jahre später gelang ihm eine spektakuläre Flucht!
00:10:24: Während der Dreharbeiten zu einem Film auf dem Gefängnisgelände drehte einer der Häftlinge durch, kletterte schreiend eine Wand hoch und weigerte sich herunterzukommen.
00:10:34: Gamino nutzte den Tumult um sich unbemerkt in eine Menschengruppe zu mischen die ihre Angehörigen besucht hatte.
00:10:40: Auf diese Weise konnte er fliehen – und wurde seitdem nicht mehr gesehen.
00:10:49: Lange Zeit tappten die Ermittler im Dunkeln.
00:10:51: Einziger Anhaltspunkt war das Gerücht dass Gamino nach Spanien geflohen sei Vermutlich nach Madrid oder irgendwo in der Nähe.
00:10:59: Erst nach jahrelanger Spurensuche hatte die italienische Polizei einen konkreteren Verdacht – Galapagà, eine Kleinstadt gut sechzig Kilometer entfernt von Madrid!
00:11:10: Doch wo sollte ihre Suche beginnen?
00:11:13: Galapagar ist keine Metropole aber groß genug um unbemerkt unterzutauchen.
00:11:18: Also starteten die Beamten ihre Sucher erst einmal online mit Google Street View.
00:11:25: Die Chancen, dadurch einen Hinweis zu finden waren gering.
00:11:29: Gamino galt als vorsichtig – nicht mal seine Familie hatte er kontaktiert, denn selbst ein anonymer Brief oder ein kurzes Telefonat wären zu gefährlich gewesen!
00:11:39: Der Mafioso hätte sich ganz bestimmt nicht auf offener Straße präsentiert für die ganze Welt sichtbar… Oder doch?
00:11:47: …die Ermittler stießen auf eine Street-View Aufnahme, die einen älteren Herrn zeigte.
00:11:52: Er stand vor einem Obst- und Gemüseladen namens El Huerto de Manu, unterhielt sich lässig mit einem anderen Mann und sah dem entlaufenden Mafioso unglaublich ähnlich.
00:12:02: Klar, zwanzig Jahre älter als das letzte Fahndungsfoto aber der durchdringende Blick – die hängenden Mundwinkel waren dieselben!
00:12:10: Das Street View Auto war genau im richtigen Moment vorbei gefahren.
00:12:15: Eine kurze Recherche ergab, dass der Besitzer des Geschäfts ein gewisser Manuel war.
00:12:20: Er hatte noch einen weiteren Job als Koch im Restaurant La Cocina de Manu.
00:12:25: Natürlich hat er das auch eine Facebook-Seite mit zahlreichen Bildern.
00:12:29: Eines davon zeigte den Koch Manuel, gut erkennbar – ein Narbe auf der linken Seite des Kins!
00:12:36: Die gleiche Stelle an der auch Gamino eine Scharte hat.
00:12:43: Am siebzehnten Dezember zwanzig Jahre nach seiner Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis wurde Joaquino Gamino verhaftet.
00:12:52: Bei seiner Festnahme fragte er verdutzt die Beamten, wie um alles in der Welt sie ihn gefunden hatten.
00:12:58: Jahrelang hatte er niemanden aus seinem Umfeld kontaktiert.
00:13:01: Seine Tarnung hielt er für absolut sicher!
00:13:04: Nie im Leben hätte er damit gerechnet, geschnappt zu werden.
00:13:08: Dass ihm ausgerechnet ein Online-Kartendienst aus dem Silicon Valley zum Verhängnis werden könnte stand ganz sicher nicht auf seiner Liste.
00:13:15: Er wurde sofort nach Italien ausgeliefert wo er erneut hinter Schloss und Riegel landete.
00:13:22: ohne Ausbruchsversuch.
00:13:28: Der Zufall ist kein Ermittler, aber manchmal ein ziemlich verlässlicher Zeuge.
00:13:33: die hier vorgestellten Fälle zeigen wie ein unscheinbarer Moment zur entscheidenden Spur werden kann und genau das macht den Zufalls so faszinierend.
00:13:42: seine Wahrscheinlichkeit mag gering sein aber nie ganz ausgeschlossen
00:13:48: Zufall, wenn ein Moment
00:13:50: alles verändert.
00:13:52: Recherchiert und produziert
00:13:53: von Carsten Richter
00:13:54: erzählt von Peggy Schmidt & Timon Kammerer Ein Original-Podcast von RegioCast Deutsches Radio Unternehmen.
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